Schlafmittel erzeugen Krebs …

Juli 18, 2012 | Keine Kommentare

… behauptet eine Studie, die im British Medical Journal veröffentlicht worden ist. Hypnotics`association with mortality and cancer: a matched cohort study Kripke et al. British medical journal, Feb. 2012

Wir Schlafmediziner könnten uns über diese Meldung freuen, ist es doch unser Anliegen Schlafstörungen auf den Grund zu gehen und sie – möglichst ohne Medikamente – zu behandeln. Wir wissen aber auch, dass dies nicht immer gelingt: Manchmal ist es zumindest vorübergehend sehr hilfreich auf Medikamente zurückgreifen zu können. Ich möchte diese Studie nicht zum Anlass nehmen, um die Bedeutung von Schlafstörungen für unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit hervorzuheben. Vielmehr möchte ich Stellung zum Umgang mit wissenschaftlichen Daten beziehen.

Die Interpretation dieser Studie, dass Schlafmittel Krebs verursachen, ist ein gutes Beispiel dafür, wie vorsichtig wir im Umgang mit wissenschaftlichem Material sein müssen. Wir Menschen neigen dazu das zu hören, was unsere Ansichten bestätigt bzw. fühlen uns angegriffen, wenn diese widerlegt werden. So laufen wir Gefahr aus den wissenschaftlichen Daten das herauszulesen, was unsere Meinung bestärkt oder bedroht.

Diese Studie besagt nur, dass in den Unterlagen der Krankenkassen Schlafmittelgebrauch und Krebserkankungen häufig zusammen auftreten.

Solche sogenannten Korrelationen bedeuten aber nicht, dass das eine für das andere verantwortlich ist. Offensichtlich wird dieser Effekt, wenn man eine andere Studie betrachtet: diese weist sowohl den Rückgang der Zahl von Störchen als auch die gleichzeitige verminderte Geburtenzahl in einer Region nach. Trotzdem glauben wir nicht, dass der Storch die Kinder bringt. Oder?

Die Einschränkungen der Auslegung der Studie „Schlafmittel erhöhen das Risiko an Krebs zu erkranken“ wurde von zahlreichen Fachleuten international ähnlich bewertet, was ich hier nicht wiederholen möchte. Es fällt auf, dass diese Studie viele Emotionen auslöst.

Bereits früher hatte der selbe Autor eine ähnliche Studie veröffentlicht, in welcher er aufzeigte, dass Menschen, die mehr als 9 oder weniger als 6 Stunden schlafen, ein höheres Risiko haben vorzeitig zu sterben. Hier gilt ebenso, dass die Zusammenhänge völlig unklar sind. Die Reaktionen in der Oeffentlichkeit und auch bei uns im Team waren damals deutlich gefasster. Anders im Falle von Schlafmitteln. Warum? Weil damit Geld verdient wird? Weil Schlafmittel nehmen einfach ist? Als Psychiater erlebe ich immer wieder, dass Medikamente, die unser Gehirn beeinflussen, sehr misstrauisch betrachtet werden. Sie werden verteufelt oder bagatellisiert. Dies kommt in der Reaktion auf diese Studie deutlich zum Ausdruck. Wir können nun die Meinung vertreten, dass die Zusammenhänge falsch sind und diese Studie nicht ernst nehmen. Oder wir haben es schon immer gewusst: in diesen Pillen steckt der Teufel. Beide Positionen verhindern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen, Chancen und Gefahren, dem Bekannten und Unbekannten.

Etwas davon umgibt alle medizinischen Behandlungen. Nihil nocere – keinen Schaden zu verursachen ist erste Pflicht in unserem Beruf. Erreichen wir dies eher durch Unterlassung oder durch Behandlung?

Wir wissen es nicht. Immer, wenn wir etwas nicht wissen, rückt der Glaube näher. Vielleicht glauben wir der Wissenschaft so gerne, weil wir dann glauben zu wissen. Das schützt vor Unsicherheit. Wir vergessen die Binsenweisheit, dass die Wissenschaft oft mehr Fragen aufwirft, als dass sie diese beantwortet. Hauptsache, wir sind beruhigt – zumindest bis zur nächsten Studie.

Was sollen wir tun? Ich weiss es nicht. Zumindest sollten wir nicht die Freude an der Wissenschaft verlieren, sondern den Glauben an sie. Nutzen wir doch die Freiräume, die uns die Fragen lassen und die Antworten oft nehmen. Wir könnten uns am Leben freuen, statt alles richtig machen zu wollen ohne zu wissen, was richtig ist. In diesem Sinne wünsche ich eine schöne ungewisse Zukunft.

Dr. med. Werner Entenmann
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

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